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Das fetale Alkoholsyndrom
Alkohol ist die häufigste bekannte Substanz, die Fehlbildungen in der Schwangerschaft verursacht.
Vor 20 Jahren wurde erstmals vermutet, dass Alkoholismus in der Schwangerschaft zu einer spezifischen
Kombination von Fehlbildungen, dem sogenannten "fetalen Alkoholsyndrom", führen kann.
Was ist Alkoholembryopathie?
Unter fetalem Alkoholembryopathie "FAE" (oder fetalem Alkoholsyndrom FAS ) versteht man eine Schädigung
des Kindes, die durch übermäßigen, dauerhaften und krankhaften Alkoholgenuss der Mutter während der
Schwangerschaft entstanden ist. Wenn der Embryo, besonders in seiner empfindlichen Zeit der Organentwicklung,
ständig dem Alkohol ausgesetzt ist, wirkt Alkohol giftig auf alle Körperzellen ein: diese können sich nicht
ausreichend entwickeln und vermehren, so dass sich Organe und Gewebe mangelhaft oder fehlerhaft entwickeln.
Daraus erklärt sich, dass im Prinzip alle Organe und Organsysteme des entstehenden und wachsenden Kindes im
Mutterleib geschädigt sein können, wenngleich bei typischer Ausprägung einige Körperteile besonders
betroffen sind. Die Diagnose einer Alkoholembryopathie stützt sich bei schwer betroffenen Kindern besonders
auf äußere Merkmale: Kleinwuchs, Untergewicht, Kleinköpfigkeit, mangelhafte Muskelentwicklung, typische
Gesichtsveränderungen, geistige Entwicklungsverzögerung und Verhaltensstörung. Bei leicht betroffenen
Kindern mit äußerlich kaum oder nicht erkennbaren Veränderungen stützt sich die Diagnose ganz wesentlich auf
die Vorgeschichte der mütterlichen Alkoholkrankheit. Da die Alkoholkrankheit der Mutter ganz unterschiedlich
ausgeprägt sein kann - leichter Alkoholmissbrauch bis hin zu schwerer Alkoholabhängigkeit - und da die
schädigende Wirkung des Alkohols von vielen Umständen abhängt (Alter der Mutter, Menge und Art des Alkohols,
Stoffwechsel der Mutter), gibt es verschiedene Formen und Schweregrade der Alkoholschädigung beim Kind.
In der Regel unterscheidet man leichte (Grad 1), mittlere und hohe Schweregrade (Grad II - III) mit
fließenden Übergängen. Die Veränderungen können beim Kind so gering sein, dass ein Laie einen Unterschied
zum gesunden Kind nicht bemerkt. Die körperlichen Schäden können auch unterschiedlich stark mit Störungen
in der Hirnleistung und Störung der seelischen, gefühlsbezogenen und sozialen Entwicklung kombiniert sein.
Bei vielen Kindern ist die körperliche und geistige Entwicklung annähernd gleich verzögert, bei anderen
überwiegen Hirnleistungsschwächen oder Verhaltensstörungen, wobei die körperliche Entwicklung weniger
beeinträchtigt ist und umgekehrt. Auch bei nur leicht betroffenen Kindern kommt es vor, dass vielleicht nur
die Intelligenz beeinträchtigt ist, körperlich dem Kind im übrigen aber nichts anzumerken ist. Auch gibt es
Kinder mit relativ typischen Gesichts- und Körperveränderungen ohne geistige Beeinträchtigung und mit
normalem Verhalten. Es gibt also verschiedene Formen der Ausprägungen.
Für die Entwicklung der Kinder nach der Geburt bis hin zum Erwachsenenalter ist bei allen mittleren und
hohen Schweregraden bedeutsam, dass in jeder Hinsicht die Entwicklung betroffen ist:
-
Die körperliche Entwicklung, messbar an Gewicht, Länge, Kopfumfang, Knochen- und Zahnentwicklung.
-
Die motorischen und statischen Fähigkeiten, wie zum Beispiel Laufen, Greifen und Geschicklichkeit; auch
andere Einzelfähigkeiten wie Trinken, Essen, Stuhlgang, Sprechen.
-
Die geistige, auf die Intelligenz bezogene Entwicklung.
-
Die seelische und gefühlsbezogene Entwicklung (Ausgeglichenheit, Stimmungen, Lachen, Weinen).
-
Die soziale Entwicklung und das Verhalten, die Fähigkeit also, sich im Verbund der Gemeinschaft der
Mitmenschen eingliedern und wohlfühlen zu können.
Der Schadstoff, der das Kind im Mutterleib erkranken lässt, ist der Alkohol selbst, der - von der Mutter
getrunken - über den Mutterkuchen und über die Nabelschnur ungehindert zum Kind gelangt. Es ist also
unwichtig, ob der Vater Trinker ist oder nicht, denn der Alkohol bei väterlicher Trunksucht kann zwar
auch das Erbmaterial im Samenfaden schädigen und auf diesem Weg in schweren Fällen ebenfalls Schäden
bewirken. Für die Entstehung einer Alkoholembryopathie sind auch nicht andere Stoffe oder
Begleitumstände verantwortlich, wie Vitaminmangel, Nikotinmissbrauch, mütterlicher Leberschaden,
Fehlernährung der Mutter in der Schwangerschaft, Begleitstoff in alkoholischen Getränken oder andere
Substanzen, sondern der Alkohol als chemisch umschriebener Stoff. Es ist bis heute nicht medizinisch
gesichert, oberhalb welcher täglich genossenen Alkoholmenge in der Schwangerschaft ein Schaden beim Kind
zu erwarten ist. Zwar lässt sich keine allgemein gültige Menge hierfür angeben, doch ist zum Beispiel
der Genuss einer Flasche Bier (= 18 g reiner Alkohol) noch nicht schadenbringend. Nach eigenen
Untersuchungen liegt die Grenze bei etwa 50 - 60 g Alkohol pro Tag, jedoch ist nicht allein die täglich
genossene Alkoholmenge entscheidend, sondern vielmehr die Frage, inwieweit die Mutter den Alkohol
verstoffwechseln kann und wieweit die Alkoholkrankheit bei der Mutter in körperlicher und seelischer
Hinsicht fortgeschritten ist (Phase der Alkoholkrankheit nach Jellinek). Wenn nämlich eine langzeitig
trinkende Mutter durch Alkohol, etwa durch Leberschäden, soweit geschädigt ist, dass sie den Alkohol nur
verzögert abbauen und ausscheiden kann, so ist schon bei geringen Alkoholmengen in der Schwangerschaft
eine Schädigung beim Kind zu erwarten. Andererseits gibt es junge Mütter, die noch "am Beginn der
Karriere" stehen, relativ viel Alkohol "vertragen", noch keine Stoffwechselstörungen erlitten haben und
trotz hohem Alkoholmissbrauch in der Schwangerschaft nicht oder kaum beeinträchtigte Kinder geboren haben.
Inwieweit das Kind durch den Alkohol geschädigt wird, hängt ab von:
-
der täglich genossenen Alkoholmenge (umgerechnet in g/Tag);
-
von der Art des Alkohols (Bier, Wein oder Schnaps), Schnapstrinker unter den Müttern sind
häufiger betroffen;
-
von der Dauer der Trunksucht;
-
vom Alter der Mutter;
-
vom Trinkverhalten (Gelegentliches Trinken? Morgendlicher Beginn? Kontrollverlust?);
-
vom Grad der Alkoholkrankheit;
-
von weiteren körperlichen Krankheiten;
-
von zusätzlichen Suchtstoffen und Medikamenten in der Schwangerschaft.
Auffällige Schäden bei Gelegenheitstrinkerinnen, die nicht im Sinne der WHO (Weltgesundheitsorganisation)
eigentlich alkoholkrank sind, konnten bisher nicht gesichert werden. Wenn in den ersten drei Monaten der
Schwangerschaft eine Frau übermäßig trinkt und dann mit dem Trinken aufhört, muss dennoch mit einer
Schädigung gerechnet werden, da gerade in den ersten Monaten die empfindliche Phase der Organentwicklung
besteht. Sofern sich eine Mutter nach der Geburt eines alkoholgeschädigten Kindes entschließt, dem Alkohol
zu entsagen und dies bei der kommenden Schwangerschaft konsequent durchhält, so bestehen alle Chancen,
dass ein gesundes Kind ohne Schädigung zur Welt kommt. Auch wenn sich eine trunksüchtige Mutter noch zu
Beginn der Schwangerschaft entschließt, einen Schaden vom Kind durch eine Entziehungskur abzuwenden,
bestehen immerhin gute Möglichkeiten, ein gesundes Kind zu gebären, eventuell in einer speziellen
Therapieeinrichtung.
Herrmann Löser

Die Anfänge der Forschungen
Im Jahre 1973 wurde von Jones und Smith ein spezifisches Muster von Defiziten beschrieben, das bei
Kindern alkoholabhängiger Mütter auftritt und unter dem Begriff "Fetales Alkoholsyndrom" zusammengefaßt
wird (1973 ). Obwohl das Problem bereits vor 30 Jahren erkannt wurde, besteht immer noch ein immenser
Forschungsbedarf zu den Merkmalen der Betroffenen. Bisher haben sich die Untersuchungen auf
Expositionsmodelle von Tieren, Längsschnittuntersuchungen des IQ und des erreichten Bildungsniveaus
von Kindern alkoholabhängiger Eltern sowie auf Untersuchungen der Auswirkungen eines mäßiggradigen
Alkoholkonsums bei Schwangeren konzentriert. In jüngerer Zeit hat sich die Forschung schwerpunktmäßig
mit der Korrelation zwischen Neuroimaging und den Verhaltenstörungen von Kindern mit pränataler
Alkoholexposition befaßt. Eine möglichst frühzeitige Erkennung bietet die Voraussetzung für die Erarbeitung
und Durchführung von Maßnahmen, die darauf abzielen, Personen mit FAS die volle Entfaltung ihres geistigen
und sozialen Potentials zu ermöglichen.
Durch eine stärkere Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die negativen Auswirkungen des Alkohols auf
das ungeborene Kind und die Verbesserung des Zugangs von Schwangeren zu Einrichtungen, die sie bei der
Vermeidung von Alkohol während der Schwangerschaft unterstützen, sollte es möglich sein, in Zukunft das
ungeborene Leben vor den verheerenden Auswirkungen des Alkohols zu bewahren.
Alkohol ist Gift für die Entwicklung
Wie geht das vor sich? "Alkohol ist ein Zellgift", erläutert Prof. Hermann Löser von der Universität
Münster. Löser ist Kinderarzt und Spezialist auf dem Gebiet der Alkoholeffekte. "Wegen seiner guten
Lösungseigenschaften verteilt sich Alkohol im Körper sehr schnell und gleichmäßig. Die Blut-Hirn-Schranke
überwindet er spielend, ebenso den Mutterkuchen (Plazenta). Das bedeutet, dass der Fetus weitgehend die
gleiche Blutalkoholkonzentration hat wie die Mutter." Was passiert dadurch? "Alkohol wirkt giftig auf
alle Körperzellen. Diese können sich nicht normal entwickeln und vermehren, so dass sich Organsysteme
und Gewebe mangelhaft oder fehlerhaft ausbilden."
Daraus erklärt sich auch, dass im Prinzip alle Organe des wachsenden Kindes durch Alkohol geschädigt
werden können. Die Gefahr ist am größten beim Trinken in der frühen Schwangerschaft. In den ersten acht
Wochen, der Embryonalperiode, werden Herz, Gehirn, Arme, Beine, Augen, Ohren und weitere Organe angelegt.
So zeigen sich die typischen Missbildungen beim fetalen Alkoholsyndrom als Kleinwuchs, Untergewicht,
Kleinköpfigkeit, mangelhafte Muskelentwicklung, typische Gesichtsveränderungen, geistige
Entwicklungsverzögerung und Verhaltensstörungen.
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Die Gretchenfrage: Ab wann ist Alkohol in der Schwangerschaft schädlich fürs Kind? Darf eine
werdende Mutter überhaupt nichts trinken? Prof. Löser: "Es lässt sich keine für den Embryo
sichere, unbedenkliche Menge angeben. Also kein Grenzwert, den man einhalten könnte, unterhalb
dessen kein Schaden beim Kind zu befürchten ist." Früher nahm man an, dass eine Alkoholschädigung
des Kindes nur bei „Alkoholikerinnen“ auftritt. Heute weiß man es besser. Langzeituntersuchungen
haben gezeigt, dass auch bei dem gesellschaftlich völlig akzeptierten "geselligen Trinken" in
manchen Fällen Alkoholschäden beim Kind entstehen. Statistisch können schon nach regelmäßigem
Konsum von täglich 15 Gramm reinem Alkohol (ein großes Glas Bier oder ein kleines Glas Wein)
Alkoholeffekte beim Kind erfasst werden. Gerade zu Beginn der Schwangerschaft gilt der
gelegentliche, aber exzessive Alkoholgenuss als bedenklich. "Zwar ist ein gelegentliches Gläschen
kein Grund zur Panik," resümiert Prof. Löser. "Aber wer ganz sicher gehen will, sollte
alkoholische Getränke in der Schwangerschaft ganz meiden."
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FAS Merkmale
Veränderung und Kennzeichen bei Fetale Alkoholsyndrom (Schweregrad 1-3) (Prof. Hermann Löser)
| Minderwuchs und Untergewicht |
98 % |
| Gesichtsveränderungen |
ca. 95 % |
| Geistige und statomotorische Entwicklungsverzögerung |
89 % |
| Kleinköpfigkeit ( Mikrozephalie) |
84 % |
| Sprachstörungen * |
80 % |
| Hyperaktivität |
72 % |
| Muskelhypotonie |
58 % |
| Verkürzung und Beugung des Kleinfingers |
51 % |
| Genitalfehlbildung |
46 % |
| Steißbeingrübchen |
44 % |
| Haaraufstrich im Nacken |
ca. 35 % |
| Trichterbrust |
30 % |
| Herzfehler (meist Scheidenwanddefekte) |
29 % |
| Augenfehlbildung (Schielstellung, Kurzsichtigkeit, Spaltenbildung) * |
25 % |
| Hörstörungen * |
ca. 20 % |
| Ess- und Schluckstörungen * |
ca. 20 % |
| Andere Verhaltensstörungen ( Autismus, Aggressivität, gestörtes Sozialverhalten) * |
ca. 20 % |
| Bleibende Verkrümmung des Kleinfingers |
16 % |
| Kleine Zähne * |
16 % |
| Verwachsung von Elle und Speiche |
14 % |
| Unterentwicklung der Fingerendglieder |
13 % |
| Leistenbruch |
12 % |
| Hämangiome |
11 % |
| Nierenfehlbildung |
ca. 10 % |
| Hüftluxation |
9 % |
| Kielbrust |
ca. 7 % |
| Gaumenspalte |
7 % |
Die aufgeführten Prozentzahlen entsprechen denen von Majewski (1980) und eigenen Untersuchungen.
Sie decken sich im wesentlichen mit Ergebnissen im internationalen Schrifttum (mit * gekennzeichnet).
| Gehirn eines nicht alkoholgeschädigten Kindes |
Gehirn eines alkoholgeschädigten Kindes |
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| Gehirn eines gesunden Kindes |
Gehirn eines alkoholgeschädigten Kindes.
Das durch Alkohol geschädigte Kind verstarb im Alter von 6 Wochen.
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(Corpus Collosum Kernspin Bilder)
Der Corpus Collosum ist ein "Nervenbundeln" der die beiden Hirnhalften verbindet. Schwach ausgebildete
oder fehlenden Corpus Collosum kommen oft beim FAS Kindern vor und erklärt viele FAS- Verhaltensweisen.
Links zeigt ein "Normaler" Corpus Collosum und Rechts ein Corpus Collosum eines alkoholgeschädigten
Menschen.
Wie häufig ist Alkoholembryopathie?
In Deutschland existieren nur Schätzzahlen. In einigen Gegenden Frankreichs beträgt die Häufigkeit bei
Neugeborenen 1:212. In Schweden ergab sich eine Häufigkeit von 1: 600. In der Bundesrepublik werden pro
Jahr annähernd 1 800 Neugeborene mit einer Alkoholembryopathie aller Schweregrade angenommen, dies bei
annähernd 500 000 Geburten pro Jahr. Nur ein Teil dieser Kinder wird als Alkoholembryopathie erfasst und
diagnostiziert, weil viele Kinder mit Schwachformen der Entdeckung entgehen, zum Teil auch deshalb, weil
der Alkoholismus der Mutter privat oder amtlich verschwiegen wird. Oft ist nicht einmal den Jugendämtern
und sozialen Institutionen bekannt, dass die in Pflege- und Adoptivfamilien vermittelten Kinder von
alkoholkranken Müttern stammen. Die Dunkelziffer der Kinder mit Schwachformen der Alkoholembryopathie
ist sehr hoch.
Hermann Löser
Gibt es eine Heilung beim Kind?
Da - zumindest bei schweren Fällen - alle Organe und Gewebeanteile durch den Alkohol in Mitleidenschaft
gezogen sein können, ist eine eigentliche, auf die Ursache bezogene Heilung, etwa durch Medikamente,
Diät oder Eingriffe nicht möglich. Operativ beheben oder lindern lassen sich die verschiedenen
Fehlbildungen nur zum Teil, zum Beispiel an den Gliedmaßen, am Herz, an den Augen und Nieren. Im
einzelnen muss hierzu der zuständige Arzt befragt werden. Es gibt jedoch kein Medikament, welches die
in vieler Hinsicht bestehende Unterentwicklung (Länge, Gewicht, Kopfumfang, Schmächtigkeit usw.) beheben
kann. Andererseits ist für das neugeborene Kind bekannt, dass in vielen Organen die Entwicklung noch nicht
abgeschlossen ist, dies gilt zum Beispiel für die Hirnreifung und andere Reifungsvorgänge. Wenngleich durch
verschiedene Förderungsmaßnahmen eine Heilung im engeren Sinne nicht erzielt werden kann, so können doch
in vielen Bereichen die Fähigkeiten erstaunlich gebessert werden. In keinem Lebensalter ist man so
"entwicklungsfähig" wie in den ersten Lebensjahren, dies gilt besonders für die häufigsten und pflegerisch
bedeutsamsten Störungen: Verhaltensauffälligkeiten, Sprachstörungen, Essstörungen. Dies soll im folgenden
näher erläutert und Ratschläge für Hilfemaßnahmen gegeben werden.
Hermann Löser
Zum aktuellen Forschungsstand des fötalen Alkoholsyndroms
1. Alkohol und Schwangerschaft
In diesem Kapitel werden die Gründe für Alkoholabhängigkeit bei Frauen, deren Alkoholkonsum und
dessen Auswirkungen auf ihre sich entwickelnden Kinder dargestellt.
1.1. Alkoholkonsum, besonders von Frauen in Deutschland
In unserer Gesellschaft ist Alkohol eine legale Droge, die bei vielen Anlässen nicht wegzudenken ist,
und an der der Staat durch Steuern gewinnt (Broschüre der DHS 1996, Löser 1995, 140).
Im Pro-Kopf-Verbrauch von Alkohol liegt Deutschland im Ländervergleich in der Spitzengruppe (10 Liter
und mehr) (Feuerlein 1997, 81). Der Pro-Kopf-Verbrauch an reinem Alkohol in den einzelnen Ländern im
Jahre 1992 ist in der kommenden Tabelle abzulesen:
| Land |
Alkohol-Pro-Kopf-Verbrauch in Litern |
| Deutschland |
12,0 |
| Frankreich |
11,8 |
| Spanien |
10,9 |
| Dänemark |
10,3 |
| Schweiz |
10,1 |
| Österreich |
10,0 |
| Belgien |
9,6 |
| Italien |
8,9 |
| Tschechien |
8,8 |
| Niederlande |
8,1 |
| Argentinien |
7,6 |
| Australien |
7,6 |
| Finnland |
7,2 |
| Großbritanien |
7,2 |
| USA |
6,9 |
| Polen |
6,3 |
(aus Jahrbuch Sucht 1995, in Feuerlein S. 80)
Es sind in den letzten Jahren in Deutschland pro Kopf (Männer und Frauen) ca. 160 L alkoholische
Getränke konsumiert worden (Statistisches Jahrbuch 1996).
Im Jahr 1995 lag der Pro-Kopf-Verbrach an reinem Alkohol bei 11,2 Litern, was in etwa dem Alkoholgehalt
von ca. 285 Litern Bier oder 180 Litern Wein entspricht. (Broschüre der DHS 1996, s. Kapitel 6.5.1).
Die folgende, aus mehreren anderen zusammengesetzen, Tabelle soll verdeutlichen, dass das Konsumniveau
alkoholischer Getränke auch bei Frauen in Deutschland sehr hoch ist.
Bierkonsum in Prozent
| Westdeutschland |
Ostdeutschland |
| |
1990 |
1995 |
1990 |
1992 |
1995 |
| Nie |
30,9 |
34,4 |
42,0 |
44,1 |
46,1 |
| Höchstens einmal pro Monat |
32,4 |
36,3 |
28,6 |
26,9 |
32,3 |
| Höchstens einmal pro Woche |
23,2 |
18,5 |
14,2 |
14,1 |
13,8 |
| Mehrmals pro Woche |
11,3 |
9,5 |
6,7 |
8,8 |
5,7 |
Weinkonsum in Prozent
| Westdeutschland |
Ostdeutschland |
| |
1990 |
1995 |
1990 |
1992 |
1995 |
| Nie |
12,2 |
15,5 |
5,9 |
5,4 |
6,4 |
| Höchstens einmal pro Monat |
45,9 |
50,5 |
37,6 |
40,8 |
46,1 |
| Höchstens einmal pro Woche |
31,4 |
26,8 |
44,1 |
44,1 |
40,6 |
| Mehrmals pro Woche |
8,8 |
6,5 |
7,5 |
6,7 |
6,7 |
(Tabellen: Alkoholkonsumfrequenz alkolischer Getränke
18-39jähriger Frauen (1990-1995) zusammengestellt aus dem Jahrbuch Sucht 1998
von der Deutschen Hauptstelle für Suchgefahren S. 116, 117)
Löser (1995 S. 5) gibt zu bedenken, dass gerade für die Häufigkeit der Alkoholeffekte bedeutsam ist,
dass "mehr als 80% der Mütter in der Schwangerschaft mehr oder weniger Alkohol trinken und nur 6% der
Frauen volständig abstinent leben (DHS, 1985)".
1.2. Alkoholabhängigkeit bei Frauen
Alkoholismus ist eine schwere chronisch verlaufende Krankheit, die zu großen sozialen Folgeschäden
führen kann.
Der Alkoholismus wird von der WHO wie folgend definiert:
"Alkoholiker sind exzessive Trinker, deren Abhängigkeit vom Alkohol einen solchen Grad erreicht,
dass sie deutliche Störungen und Konflikte in ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit, in ihren
mitmenschlichen Beziehungen, in ihren sozialen und wirtschaftlichen Funktionen aufweisen oder sie
zeigen Vorstufen einer solchen Entwicklung. Daher brauchen sie eine Behandlung." (WHO: in Schmidt
1988, ?)
Diese Definition ist sehr unscharf, differenzierter beschreibt Jellinek die Krankheit Alkoholismus.
Jellinek (in Schmidt 1988,?) stellte auf Grund einer Befragung von alkoholkranken Menschen ein
Phasenmodell zur Typologie auf. Es wurden Alpha-, Beta-, Gamma- und Delta, später auch noch
Epsilon-Alkoholiker abgegrenzt.
Trinktypen nach Jellinek
| 1. Alpha-Alkoholismus |
Problem- und Erleichterungstrinken |
Psychisch abhängig, Aufhören möglich |
| 2. Beta-Alkoholismus |
Gelegenheitstrinker mit periodischem Alkoholmissbrauch (Trinksitten) |
Weder seelisch noch körperlich abhängig, Aufhören möglich |
| 3. Gamma-Alkoholismus |
"süchtige" Trinker (zumeist hochprozentige Getränke, Rausch jedoch nicht die Regel |
Seelisch abhängig, Kontrollverlust |
| 4. Delta-Alkoholismus |
Gewohnheitstrinker |
Körperliche Abhängigkeit, Entzugserscheinungen beim Absetzen, reichlicher Konsum über den ganzen
Tag verteilt (Spiegeltrinker), selten Rauschzustände, Unfähigkeit zu abstinieren
|
| 5. Epsilon-Alkoholismus |
Periodische Trinker ("Quartalssäufer") |
In regelmässigen Abständen kommt es zu seelisch-körperlichen Krisen mit Unruhe, depressiven
Verstimmungen, zwanghaftem Denken an Alkohol und nachfolgendem Alkoholexzess mit Kontrollverlust
über mehrere Tage
|
(Tabelle nach Neumann 1996, 12)
Die Gamma-Alkoholismus wird weiter unterteilt in die voralkoholische, die Prodominal-, die kritische
und die chronische Phase.
| 3.Gamma-Alkoholismus |
| 3.1 voralkoholische Phase |
Erleichterungstrinken, Toleranzabnahme für seelische Belastungen, Alkohol als Kompensationsmittel,
zunehmend als Stimmungsregulans, Alkoholtoleranz nimmt zu
|
| 3.2 Prodomialphase |
Beginnt mit retrograden Amnesien (Palimpsesten), Erinnerungslücken nach Alkoholgenuss,
in Konfliktsituationen wird getrunken, alleine und heimliches Trinken, Fehlen von Rauschzuständen,
Alkohol als psychische Regulans
|
| 3.3 Kritische Phase |
Kontrollverluste, Entstehen von sozialen Konflikten und Diskriminierung, Alkoholexzesse |
| 3.4 Chronische Phase |
Regelmässiges morgendliches Trinken, tagelange Räusche, fortschreitender seelischer,
körperlicher und sozialer Abbau, Konzentrations-und Merkfähigkeitsverlust, Abnahme der
Alkoholtoleranz, in Trinkpausen schwerste Entzugserscheinungen, Alkoholkonsum ist wichtiger
als Nahrungsaufnahme
|
(Nach Schmidt 1988)
Das Maximum für eine Gefährdung alkoholabhängig zu werden, liegt bei Frauen zwischen dem 20. und 49.
Lebensjahr (Trube-Becker 1987, 23). In den letzten Jahrzehnten ist der Anteil der Frauen in der Gruppe
der Alkoholiker erheblich gestiegen (Löser 1995, 102-103).
Gründe dafür, dass heute Frauen mehr trinken als früher (Meulenbelt 1998, 9), sind z.B. das vermehrte
Anlasstrinken bei der Arbeit, bei Familienfeiern oder in der Freizeit. Der leicht erhältliche Alkohol
wird von Frauen als Kompensationsmittel oder Alltagsmedizin benutzt. Auch die häufige Doppelbelastung
durch Beruf und Familie lassen Frauen zum Alkohol greifen (Meulenbelt 1998, 21-30, Schmidt 1986, ?).
Die auslösenden Faktoren für das Trinken bei Frauen sind zum grossen Teil Partnerschafts- und
Familienkonflikte, häufig auch ein mangelhaftes Selbstwertgefühl (Schmidt 1986, ?; Meulenbelt 1998, 26).
Alkoholikerinnen leben häufiger alleine als trinkende Männer. Meist kommen in ihrer Biographie
Gewalterfahrungen vor, oder sie entstammen Alkoholikerfamilien (Schmidt 1986, ?; Meulenbelt 1998, 86).
Frauen trinken allein und heimlich. Was vor allem dadurch begründet ist, dass in unserer Gesellschaft
eine trinkende Frau weniger akzeptiert ist als ein betrunkener Mann. Sie wird diskriminiert und verachtet
(Meulenbelt 1998, 13; Schmidt 1986, ?). Ein anschauliches Beispiel hierfür ist vom 6.1.1998 die Talk-Show
"Sonja", , mit dem Thema: "Frauen, die trinken sind widerlich".
Die körperlichen Folgen der Alkoholabhängigkeit treten bei Frauen früher auf als bei Männern
(Schmidt 1986) Weitere Ausführungen zur Alkoholabhängigkeit bei Frauen sind bei Meulenbelt
(1998) oder bei Trube-Becker (1987, 1990) zu finden.
Annika Drozella
1.3. Was ist mit den Vätern?
Bis heute hat sich die (männliche) Forschung fast ausschließlich auf Risiken für den Fetus konzentriert,
die durch mütterliches Alkoholtrinken entstehen können.Doch haben viele Studien gezeigt, dass die Kinder
von männlichen Alkoholikern oft gestörte intellektuelle Fähigkeiten haben und öfter hyperaktiver sind
als die Kinder nichttrinkender Väter. Diese Befunde lassen sich auch anhand von Adoptionsstudien stützen.
Danach ist es gesichert, dass gestörte kognotive Fähigkeiten und Hyperaktivität nicht ausschließlich auf
soziale Umwelt zurückzuführen ist. Diese Daten legen nahe, dass das väterliche Trinkverhalten einen Einfluß
auf die Entwicklungschancen ihrer Kinder hat - wenn auch nicht direkt über Mutterkuchen und Nabelschnur.
Auch Tierversuche demonstrieren, dass die Nachkommen alkoholisierter männliche Tiere eine geringere
Überlebensfähigkeit und bei der Geburt Reifedefizite aufweisen. Allerdings wirkt der väterliche
Alkoholkonsum nicht direkt auf den Fetus ein, sondern verschlechtert vielmehr die Qualität der Samen.
Einiges deutet darauf hin, dass stark alkoholtrinkende Väter ihren Nachkommen durch deformierte Samen
Schaden zufügen können!!! Zwar weiß man wenig über entsprechende Mechanismen sowie über
Dosis-Wirkungs-Beziehungen. Doch man schwiegt darüber und behändelt - wenn schon - das fetale Alkoholsyndrom
als ein rein frauenspezifisches Problem.Die Rolle und Verantwortung des Mannes darf aber nicht außer acht
bleiben: Viele Männer verleiten Frauen auch in der Schwangerschaft zum Trinken, oder erwarten betont, dass
sich Frauen enthalten; sie selbst aber trinken weiter.Das fetale Alkoholsyndrom ist nicht einfach ein
frauenspezifisches Problem, sondern vielmehr ein Problem der Gesellschaft, in dem auch die Männer (und
alle Frauen) miteinbezogen sind!!!!!!
Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren e.V. Drogen Info: Alkohol und Schwangerschaft 04.97
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