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Das fetale Alkoholsyndrom

Alkohol ist die häufigste bekannte Substanz, die Fehlbildungen in der Schwangerschaft verursacht. Vor 20 Jahren wurde erstmals vermutet, dass Alkoholismus in der Schwangerschaft zu einer spezifischen Kombination von Fehlbildungen, dem sogenannten "fetalen Alkoholsyndrom", führen kann.


Was ist Alkoholembryopathie?

Unter fetalem Alkoholembryopathie "FAE" (oder fetalem Alkoholsyndrom FAS ) versteht man eine Schädigung des Kindes, die durch übermäßigen, dauerhaften und krankhaften Alkoholgenuss der Mutter während der Schwangerschaft entstanden ist. Wenn der Embryo, besonders in seiner empfindlichen Zeit der Organentwicklung, ständig dem Alkohol ausgesetzt ist, wirkt Alkohol giftig auf alle Körperzellen ein: diese können sich nicht ausreichend entwickeln und vermehren, so dass sich Organe und Gewebe mangelhaft oder fehlerhaft entwickeln. Daraus erklärt sich, dass im Prinzip alle Organe und Organsysteme des entstehenden und wachsenden Kindes im Mutterleib geschädigt sein können, wenngleich bei typischer Ausprägung einige Körperteile besonders betroffen sind. Die Diagnose einer Alkoholembryopathie stützt sich bei schwer betroffenen Kindern besonders auf äußere Merkmale: Kleinwuchs, Untergewicht, Kleinköpfigkeit, mangelhafte Muskelentwicklung, typische Gesichtsveränderungen, geistige Entwicklungsverzögerung und Verhaltensstörung. Bei leicht betroffenen Kindern mit äußerlich kaum oder nicht erkennbaren Veränderungen stützt sich die Diagnose ganz wesentlich auf die Vorgeschichte der mütterlichen Alkoholkrankheit. Da die Alkoholkrankheit der Mutter ganz unterschiedlich ausgeprägt sein kann - leichter Alkoholmissbrauch bis hin zu schwerer Alkoholabhängigkeit - und da die schädigende Wirkung des Alkohols von vielen Umständen abhängt (Alter der Mutter, Menge und Art des Alkohols, Stoffwechsel der Mutter), gibt es verschiedene Formen und Schweregrade der Alkoholschädigung beim Kind. In der Regel unterscheidet man leichte (Grad 1), mittlere und hohe Schweregrade (Grad II - III) mit fließenden Übergängen. Die Veränderungen können beim Kind so gering sein, dass ein Laie einen Unterschied zum gesunden Kind nicht bemerkt. Die körperlichen Schäden können auch unterschiedlich stark mit Störungen in der Hirnleistung und Störung der seelischen, gefühlsbezogenen und sozialen Entwicklung kombiniert sein. Bei vielen Kindern ist die körperliche und geistige Entwicklung annähernd gleich verzögert, bei anderen überwiegen Hirnleistungsschwächen oder Verhaltensstörungen, wobei die körperliche Entwicklung weniger beeinträchtigt ist und umgekehrt. Auch bei nur leicht betroffenen Kindern kommt es vor, dass vielleicht nur die Intelligenz beeinträchtigt ist, körperlich dem Kind im übrigen aber nichts anzumerken ist. Auch gibt es Kinder mit relativ typischen Gesichts- und Körperveränderungen ohne geistige Beeinträchtigung und mit normalem Verhalten. Es gibt also verschiedene Formen der Ausprägungen.

Für die Entwicklung der Kinder nach der Geburt bis hin zum Erwachsenenalter ist bei allen mittleren und hohen Schweregraden bedeutsam, dass in jeder Hinsicht die Entwicklung betroffen ist:

  • Die körperliche Entwicklung, messbar an Gewicht, Länge, Kopfumfang, Knochen- und Zahnentwicklung.
  • Die motorischen und statischen Fähigkeiten, wie zum Beispiel Laufen, Greifen und Geschicklichkeit; auch andere Einzelfähigkeiten wie Trinken, Essen, Stuhlgang, Sprechen.
  • Die geistige, auf die Intelligenz bezogene Entwicklung.
  • Die seelische und gefühlsbezogene Entwicklung (Ausgeglichenheit, Stimmungen, Lachen, Weinen).
  • Die soziale Entwicklung und das Verhalten, die Fähigkeit also, sich im Verbund der Gemeinschaft der Mitmenschen eingliedern und wohlfühlen zu können.

Der Schadstoff, der das Kind im Mutterleib erkranken lässt, ist der Alkohol selbst, der - von der Mutter getrunken - über den Mutterkuchen und über die Nabelschnur ungehindert zum Kind gelangt. Es ist also unwichtig, ob der Vater Trinker ist oder nicht, denn der Alkohol bei väterlicher Trunksucht kann zwar auch das Erbmaterial im Samenfaden schädigen und auf diesem Weg in schweren Fällen ebenfalls Schäden bewirken. Für die Entstehung einer Alkoholembryopathie sind auch nicht andere Stoffe oder Begleitumstände verantwortlich, wie Vitaminmangel, Nikotinmissbrauch, mütterlicher Leberschaden, Fehlernährung der Mutter in der Schwangerschaft, Begleitstoff in alkoholischen Getränken oder andere Substanzen, sondern der Alkohol als chemisch umschriebener Stoff. Es ist bis heute nicht medizinisch gesichert, oberhalb welcher täglich genossenen Alkoholmenge in der Schwangerschaft ein Schaden beim Kind zu erwarten ist. Zwar lässt sich keine allgemein gültige Menge hierfür angeben, doch ist zum Beispiel der Genuss einer Flasche Bier (= 18 g reiner Alkohol) noch nicht schadenbringend. Nach eigenen Untersuchungen liegt die Grenze bei etwa 50 - 60 g Alkohol pro Tag, jedoch ist nicht allein die täglich genossene Alkoholmenge entscheidend, sondern vielmehr die Frage, inwieweit die Mutter den Alkohol verstoffwechseln kann und wieweit die Alkoholkrankheit bei der Mutter in körperlicher und seelischer Hinsicht fortgeschritten ist (Phase der Alkoholkrankheit nach Jellinek). Wenn nämlich eine langzeitig trinkende Mutter durch Alkohol, etwa durch Leberschäden, soweit geschädigt ist, dass sie den Alkohol nur verzögert abbauen und ausscheiden kann, so ist schon bei geringen Alkoholmengen in der Schwangerschaft eine Schädigung beim Kind zu erwarten. Andererseits gibt es junge Mütter, die noch "am Beginn der Karriere" stehen, relativ viel Alkohol "vertragen", noch keine Stoffwechselstörungen erlitten haben und trotz hohem Alkoholmissbrauch in der Schwangerschaft nicht oder kaum beeinträchtigte Kinder geboren haben. Inwieweit das Kind durch den Alkohol geschädigt wird, hängt ab von:

  • der täglich genossenen Alkoholmenge (umgerechnet in g/Tag);
  • von der Art des Alkohols (Bier, Wein oder Schnaps), Schnapstrinker unter den Müttern sind häufiger betroffen;
  • von der Dauer der Trunksucht;
  • vom Alter der Mutter;
  • vom Trinkverhalten (Gelegentliches Trinken? Morgendlicher Beginn? Kontrollverlust?);
  • vom Grad der Alkoholkrankheit;
  • von weiteren körperlichen Krankheiten;
  • von zusätzlichen Suchtstoffen und Medikamenten in der Schwangerschaft.

Auffällige Schäden bei Gelegenheitstrinkerinnen, die nicht im Sinne der WHO (Weltgesundheitsorganisation) eigentlich alkoholkrank sind, konnten bisher nicht gesichert werden. Wenn in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft eine Frau übermäßig trinkt und dann mit dem Trinken aufhört, muss dennoch mit einer Schädigung gerechnet werden, da gerade in den ersten Monaten die empfindliche Phase der Organentwicklung besteht. Sofern sich eine Mutter nach der Geburt eines alkoholgeschädigten Kindes entschließt, dem Alkohol zu entsagen und dies bei der kommenden Schwangerschaft konsequent durchhält, so bestehen alle Chancen, dass ein gesundes Kind ohne Schädigung zur Welt kommt. Auch wenn sich eine trunksüchtige Mutter noch zu Beginn der Schwangerschaft entschließt, einen Schaden vom Kind durch eine Entziehungskur abzuwenden, bestehen immerhin gute Möglichkeiten, ein gesundes Kind zu gebären, eventuell in einer speziellen Therapieeinrichtung.
Herrmann Löser

FAS/FAE im Kindesalter


Die Anfänge der Forschungen

Im Jahre 1973 wurde von Jones und Smith ein spezifisches Muster von Defiziten beschrieben, das bei Kindern alkoholabhängiger Mütter auftritt und unter dem Begriff "Fetales Alkoholsyndrom" zusammengefaßt wird (1973 ). Obwohl das Problem bereits vor 30 Jahren erkannt wurde, besteht immer noch ein immenser Forschungsbedarf zu den Merkmalen der Betroffenen. Bisher haben sich die Untersuchungen auf Expositionsmodelle von Tieren, Längsschnittuntersuchungen des IQ und des erreichten Bildungsniveaus von Kindern alkoholabhängiger Eltern sowie auf Untersuchungen der Auswirkungen eines mäßiggradigen Alkoholkonsums bei Schwangeren konzentriert. In jüngerer Zeit hat sich die Forschung schwerpunktmäßig mit der Korrelation zwischen Neuroimaging und den Verhaltenstörungen von Kindern mit pränataler Alkoholexposition befaßt. Eine möglichst frühzeitige Erkennung bietet die Voraussetzung für die Erarbeitung und Durchführung von Maßnahmen, die darauf abzielen, Personen mit FAS die volle Entfaltung ihres geistigen und sozialen Potentials zu ermöglichen.
Durch eine stärkere Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die negativen Auswirkungen des Alkohols auf das ungeborene Kind und die Verbesserung des Zugangs von Schwangeren zu Einrichtungen, die sie bei der Vermeidung von Alkohol während der Schwangerschaft unterstützen, sollte es möglich sein, in Zukunft das ungeborene Leben vor den verheerenden Auswirkungen des Alkohols zu bewahren.


Alkohol ist Gift für die Entwicklung

Wie geht das vor sich? "Alkohol ist ein Zellgift", erläutert Prof. Hermann Löser von der Universität Münster. Löser ist Kinderarzt und Spezialist auf dem Gebiet der Alkoholeffekte. "Wegen seiner guten Lösungseigenschaften verteilt sich Alkohol im Körper sehr schnell und gleichmäßig. Die Blut-Hirn-Schranke überwindet er spielend, ebenso den Mutterkuchen (Plazenta). Das bedeutet, dass der Fetus weitgehend die gleiche Blutalkoholkonzentration hat wie die Mutter." Was passiert dadurch? "Alkohol wirkt giftig auf alle Körperzellen. Diese können sich nicht normal entwickeln und vermehren, so dass sich Organsysteme und Gewebe mangelhaft oder fehlerhaft ausbilden."
Daraus erklärt sich auch, dass im Prinzip alle Organe des wachsenden Kindes durch Alkohol geschädigt werden können. Die Gefahr ist am größten beim Trinken in der frühen Schwangerschaft. In den ersten acht Wochen, der Embryonalperiode, werden Herz, Gehirn, Arme, Beine, Augen, Ohren und weitere Organe angelegt. So zeigen sich die typischen Missbildungen beim fetalen Alkoholsyndrom als Kleinwuchs, Untergewicht, Kleinköpfigkeit, mangelhafte Muskelentwicklung, typische Gesichtsveränderungen, geistige Entwicklungsverzögerung und Verhaltensstörungen.

Don´t! Die Gretchenfrage: Ab wann ist Alkohol in der Schwangerschaft schädlich fürs Kind? Darf eine werdende Mutter überhaupt nichts trinken? Prof. Löser: "Es lässt sich keine für den Embryo sichere, unbedenkliche Menge angeben. Also kein Grenzwert, den man einhalten könnte, unterhalb dessen kein Schaden beim Kind zu befürchten ist." Früher nahm man an, dass eine Alkoholschädigung des Kindes nur bei „Alkoholikerinnen“ auftritt. Heute weiß man es besser. Langzeituntersuchungen haben gezeigt, dass auch bei dem gesellschaftlich völlig akzeptierten "geselligen Trinken" in manchen Fällen Alkoholschäden beim Kind entstehen. Statistisch können schon nach regelmäßigem Konsum von täglich 15 Gramm reinem Alkohol (ein großes Glas Bier oder ein kleines Glas Wein) Alkoholeffekte beim Kind erfasst werden. Gerade zu Beginn der Schwangerschaft gilt der gelegentliche, aber exzessive Alkoholgenuss als bedenklich. "Zwar ist ein gelegentliches Gläschen kein Grund zur Panik," resümiert Prof. Löser. "Aber wer ganz sicher gehen will, sollte alkoholische Getränke in der Schwangerschaft ganz meiden."

FAS Merkmale

Veränderung und Kennzeichen bei Fetale Alkoholsyndrom (Schweregrad 1-3) (Prof. Hermann Löser)

Minderwuchs und Untergewicht 98 %
Gesichtsveränderungen ca. 95 %
Geistige und statomotorische Entwicklungsverzögerung 89 %
Kleinköpfigkeit ( Mikrozephalie) 84 %
Sprachstörungen * 80 %
Hyperaktivität 72 %
Muskelhypotonie 58 %
Verkürzung und Beugung des Kleinfingers 51 %
Genitalfehlbildung 46 %
Steißbeingrübchen 44 %
Haaraufstrich im Nacken ca. 35 %
Trichterbrust 30 %
Herzfehler (meist Scheidenwanddefekte) 29 %
Augenfehlbildung (Schielstellung, Kurzsichtigkeit, Spaltenbildung) * 25 %
Hörstörungen * ca. 20 %
Ess- und Schluckstörungen * ca. 20 %
Andere Verhaltensstörungen ( Autismus, Aggressivität, gestörtes Sozialverhalten) * ca. 20 %
Bleibende Verkrümmung des Kleinfingers 16 %
Kleine Zähne * 16 %
Verwachsung von Elle und Speiche 14 %
Unterentwicklung der Fingerendglieder 13 %
Leistenbruch 12 %
Hämangiome 11 %
Nierenfehlbildung ca. 10 %
Hüftluxation 9 %
Kielbrust ca. 7 %
Gaumenspalte 7 %

Die aufgeführten Prozentzahlen entsprechen denen von Majewski (1980) und eigenen Untersuchungen. Sie decken sich im wesentlichen mit Ergebnissen im internationalen Schrifttum (mit * gekennzeichnet).

Gehirn eines nicht alkoholgeschädigten Kindes Gehirn eines alkoholgeschädigten Kindes
Gehirn eines gesunden Kindes Gehirn eines alkoholgeschädigten Kindes.
Das durch Alkohol geschädigte Kind verstarb im Alter von 6 Wochen.
(Corpus Collosum Kernspin Bilder)

Der Corpus Collosum ist ein "Nervenbundeln" der die beiden Hirnhalften verbindet. Schwach ausgebildete oder fehlenden Corpus Collosum kommen oft beim FAS Kindern vor und erklärt viele FAS- Verhaltensweisen. Links zeigt ein "Normaler" Corpus Collosum und Rechts ein Corpus Collosum eines alkoholgeschädigten Menschen.


Wie häufig ist Alkoholembryopathie?

In Deutschland existieren nur Schätzzahlen. In einigen Gegenden Frankreichs beträgt die Häufigkeit bei Neugeborenen 1:212. In Schweden ergab sich eine Häufigkeit von 1: 600. In der Bundesrepublik werden pro Jahr annähernd 1 800 Neugeborene mit einer Alkoholembryopathie aller Schweregrade angenommen, dies bei annähernd 500 000 Geburten pro Jahr. Nur ein Teil dieser Kinder wird als Alkoholembryopathie erfasst und diagnostiziert, weil viele Kinder mit Schwachformen der Entdeckung entgehen, zum Teil auch deshalb, weil der Alkoholismus der Mutter privat oder amtlich verschwiegen wird. Oft ist nicht einmal den Jugendämtern und sozialen Institutionen bekannt, dass die in Pflege- und Adoptivfamilien vermittelten Kinder von alkoholkranken Müttern stammen. Die Dunkelziffer der Kinder mit Schwachformen der Alkoholembryopathie ist sehr hoch.
Hermann Löser


Gibt es eine Heilung beim Kind?

Da - zumindest bei schweren Fällen - alle Organe und Gewebeanteile durch den Alkohol in Mitleidenschaft gezogen sein können, ist eine eigentliche, auf die Ursache bezogene Heilung, etwa durch Medikamente, Diät oder Eingriffe nicht möglich. Operativ beheben oder lindern lassen sich die verschiedenen Fehlbildungen nur zum Teil, zum Beispiel an den Gliedmaßen, am Herz, an den Augen und Nieren. Im einzelnen muss hierzu der zuständige Arzt befragt werden. Es gibt jedoch kein Medikament, welches die in vieler Hinsicht bestehende Unterentwicklung (Länge, Gewicht, Kopfumfang, Schmächtigkeit usw.) beheben kann. Andererseits ist für das neugeborene Kind bekannt, dass in vielen Organen die Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist, dies gilt zum Beispiel für die Hirnreifung und andere Reifungsvorgänge. Wenngleich durch verschiedene Förderungsmaßnahmen eine Heilung im engeren Sinne nicht erzielt werden kann, so können doch in vielen Bereichen die Fähigkeiten erstaunlich gebessert werden. In keinem Lebensalter ist man so "entwicklungsfähig" wie in den ersten Lebensjahren, dies gilt besonders für die häufigsten und pflegerisch bedeutsamsten Störungen: Verhaltensauffälligkeiten, Sprachstörungen, Essstörungen. Dies soll im folgenden näher erläutert und Ratschläge für Hilfemaßnahmen gegeben werden.
Hermann Löser


Zum aktuellen Forschungsstand des fötalen Alkoholsyndroms



1. Alkohol und Schwangerschaft

    In diesem Kapitel werden die Gründe für Alkoholabhängigkeit bei Frauen, deren Alkoholkonsum und dessen Auswirkungen auf ihre sich entwickelnden Kinder dargestellt.

1.1. Alkoholkonsum, besonders von Frauen in Deutschland
    In unserer Gesellschaft ist Alkohol eine legale Droge, die bei vielen Anlässen nicht wegzudenken ist, und an der der Staat durch Steuern gewinnt (Broschüre der DHS 1996, Löser 1995, 140).
    Im Pro-Kopf-Verbrauch von Alkohol liegt Deutschland im Ländervergleich in der Spitzengruppe (10 Liter und mehr) (Feuerlein 1997, 81). Der Pro-Kopf-Verbrauch an reinem Alkohol in den einzelnen Ländern im Jahre 1992 ist in der kommenden Tabelle abzulesen:
Land Alkohol-Pro-Kopf-Verbrauch in Litern
Deutschland 12,0
Frankreich 11,8
Spanien 10,9
Dänemark 10,3
Schweiz 10,1
Österreich 10,0
Belgien 9,6
Italien 8,9
Tschechien 8,8
Niederlande 8,1
Argentinien 7,6
Australien 7,6
Finnland 7,2
Großbritanien 7,2
USA 6,9
Polen 6,3
(aus Jahrbuch Sucht 1995, in Feuerlein S. 80)

    Es sind in den letzten Jahren in Deutschland pro Kopf (Männer und Frauen) ca. 160 L alkoholische Getränke konsumiert worden (Statistisches Jahrbuch 1996).

    Im Jahr 1995 lag der Pro-Kopf-Verbrach an reinem Alkohol bei 11,2 Litern, was in etwa dem Alkoholgehalt von ca. 285 Litern Bier oder 180 Litern Wein entspricht. (Broschüre der DHS 1996, s. Kapitel 6.5.1).

    Die folgende, aus mehreren anderen zusammengesetzen, Tabelle soll verdeutlichen, dass das Konsumniveau alkoholischer Getränke auch bei Frauen in Deutschland sehr hoch ist.
Bierkonsum in Prozent

Westdeutschland Ostdeutschland
  1990 1995 1990 1992 1995
Nie 30,9 34,4 42,0 44,1 46,1
Höchstens einmal pro Monat 32,4 36,3 28,6 26,9 32,3
Höchstens einmal pro Woche 23,2 18,5 14,2 14,1 13,8
Mehrmals pro Woche 11,3 9,5 6,7 8,8 5,7

Weinkonsum in Prozent

Westdeutschland Ostdeutschland
  1990 1995 1990 1992 1995
Nie 12,2 15,5 5,9 5,4 6,4
Höchstens einmal pro Monat 45,9 50,5 37,6 40,8 46,1
Höchstens einmal pro Woche 31,4 26,8 44,1 44,1 40,6
Mehrmals pro Woche 8,8 6,5 7,5 6,7 6,7

(Tabellen: Alkoholkonsumfrequenz alkolischer Getränke
18-39jähriger Frauen (1990-1995) zusammengestellt aus dem Jahrbuch Sucht 1998
von der Deutschen Hauptstelle für Suchgefahren S. 116, 117)
    Löser (1995 S. 5) gibt zu bedenken, dass gerade für die Häufigkeit der Alkoholeffekte bedeutsam ist, dass "mehr als 80% der Mütter in der Schwangerschaft mehr oder weniger Alkohol trinken und nur 6% der Frauen volständig abstinent leben (DHS, 1985)".

1.2. Alkoholabhängigkeit bei Frauen

    Alkoholismus ist eine schwere chronisch verlaufende Krankheit, die zu großen sozialen Folgeschäden führen kann.

    Der Alkoholismus wird von der WHO wie folgend definiert:

      "Alkoholiker sind exzessive Trinker, deren Abhängigkeit vom Alkohol einen solchen Grad erreicht, dass sie deutliche Störungen und Konflikte in ihrer körperlichen und geistigen Gesundheit, in ihren mitmenschlichen Beziehungen, in ihren sozialen und wirtschaftlichen Funktionen aufweisen oder sie zeigen Vorstufen einer solchen Entwicklung. Daher brauchen sie eine Behandlung." (WHO: in Schmidt 1988, ?)
      Diese Definition ist sehr unscharf, differenzierter beschreibt Jellinek die Krankheit Alkoholismus. Jellinek (in Schmidt 1988,?) stellte auf Grund einer Befragung von alkoholkranken Menschen ein Phasenmodell zur Typologie auf. Es wurden Alpha-, Beta-, Gamma- und Delta, später auch noch Epsilon-Alkoholiker abgegrenzt.
Trinktypen nach Jellinek

1. Alpha-Alkoholismus Problem- und Erleichterungstrinken Psychisch abhängig, Aufhören möglich
2. Beta-Alkoholismus Gelegenheitstrinker mit periodischem Alkoholmissbrauch (Trinksitten) Weder seelisch noch körperlich abhängig, Aufhören möglich
3. Gamma-Alkoholismus "süchtige" Trinker (zumeist hochprozentige Getränke, Rausch jedoch nicht die Regel Seelisch abhängig, Kontrollverlust
4. Delta-Alkoholismus Gewohnheitstrinker Körperliche Abhängigkeit, Entzugserscheinungen beim Absetzen, reichlicher Konsum über den ganzen Tag verteilt (Spiegeltrinker), selten Rauschzustände, Unfähigkeit zu abstinieren
5. Epsilon-Alkoholismus Periodische Trinker ("Quartalssäufer") In regelmässigen Abständen kommt es zu seelisch-körperlichen Krisen mit Unruhe, depressiven Verstimmungen, zwanghaftem Denken an Alkohol und nachfolgendem Alkoholexzess mit Kontrollverlust über mehrere Tage
(Tabelle nach Neumann 1996, 12)

Die Gamma-Alkoholismus wird weiter unterteilt in die voralkoholische, die Prodominal-, die kritische und die chronische Phase.

3.Gamma-Alkoholismus
3.1 voralkoholische Phase Erleichterungstrinken, Toleranzabnahme für seelische Belastungen, Alkohol als Kompensationsmittel, zunehmend als Stimmungsregulans, Alkoholtoleranz nimmt zu
3.2 Prodomialphase Beginnt mit retrograden Amnesien (Palimpsesten), Erinnerungslücken nach Alkoholgenuss, in Konfliktsituationen wird getrunken, alleine und heimliches Trinken, Fehlen von Rauschzuständen, Alkohol als psychische Regulans
3.3 Kritische Phase Kontrollverluste, Entstehen von sozialen Konflikten und Diskriminierung, Alkoholexzesse
3.4 Chronische Phase Regelmässiges morgendliches Trinken, tagelange Räusche, fortschreitender seelischer, körperlicher und sozialer Abbau, Konzentrations-und Merkfähigkeitsverlust, Abnahme der Alkoholtoleranz, in Trinkpausen schwerste Entzugserscheinungen, Alkoholkonsum ist wichtiger als Nahrungsaufnahme
(Nach Schmidt 1988)


    Das Maximum für eine Gefährdung alkoholabhängig zu werden, liegt bei Frauen zwischen dem 20. und 49. Lebensjahr (Trube-Becker 1987, 23). In den letzten Jahrzehnten ist der Anteil der Frauen in der Gruppe der Alkoholiker erheblich gestiegen (Löser 1995, 102-103).

    Gründe dafür, dass heute Frauen mehr trinken als früher (Meulenbelt 1998, 9), sind z.B. das vermehrte Anlasstrinken bei der Arbeit, bei Familienfeiern oder in der Freizeit. Der leicht erhältliche Alkohol wird von Frauen als Kompensationsmittel oder Alltagsmedizin benutzt. Auch die häufige Doppelbelastung durch Beruf und Familie lassen Frauen zum Alkohol greifen (Meulenbelt 1998, 21-30, Schmidt 1986, ?).

    Die auslösenden Faktoren für das Trinken bei Frauen sind zum grossen Teil Partnerschafts- und Familienkonflikte, häufig auch ein mangelhaftes Selbstwertgefühl (Schmidt 1986, ?; Meulenbelt 1998, 26).

    Alkoholikerinnen leben häufiger alleine als trinkende Männer. Meist kommen in ihrer Biographie Gewalterfahrungen vor, oder sie entstammen Alkoholikerfamilien (Schmidt 1986, ?; Meulenbelt 1998, 86). Frauen trinken allein und heimlich. Was vor allem dadurch begründet ist, dass in unserer Gesellschaft eine trinkende Frau weniger akzeptiert ist als ein betrunkener Mann. Sie wird diskriminiert und verachtet (Meulenbelt 1998, 13; Schmidt 1986, ?). Ein anschauliches Beispiel hierfür ist vom 6.1.1998 die Talk-Show "Sonja", , mit dem Thema: "Frauen, die trinken sind widerlich".

    Die körperlichen Folgen der Alkoholabhängigkeit treten bei Frauen früher auf als bei Männern (Schmidt 1986) Weitere Ausführungen zur Alkoholabhängigkeit bei Frauen sind bei Meulenbelt (1998) oder bei Trube-Becker (1987, 1990) zu finden.

    Annika Drozella

1.3. Was ist mit den Vätern?

    Bis heute hat sich die (männliche) Forschung fast ausschließlich auf Risiken für den Fetus konzentriert, die durch mütterliches Alkoholtrinken entstehen können.Doch haben viele Studien gezeigt, dass die Kinder von männlichen Alkoholikern oft gestörte intellektuelle Fähigkeiten haben und öfter hyperaktiver sind als die Kinder nichttrinkender Väter. Diese Befunde lassen sich auch anhand von Adoptionsstudien stützen. Danach ist es gesichert, dass gestörte kognotive Fähigkeiten und Hyperaktivität nicht ausschließlich auf soziale Umwelt zurückzuführen ist. Diese Daten legen nahe, dass das väterliche Trinkverhalten einen Einfluß auf die Entwicklungschancen ihrer Kinder hat - wenn auch nicht direkt über Mutterkuchen und Nabelschnur. Auch Tierversuche demonstrieren, dass die Nachkommen alkoholisierter männliche Tiere eine geringere Überlebensfähigkeit und bei der Geburt Reifedefizite aufweisen. Allerdings wirkt der väterliche Alkoholkonsum nicht direkt auf den Fetus ein, sondern verschlechtert vielmehr die Qualität der Samen. Einiges deutet darauf hin, dass stark alkoholtrinkende Väter ihren Nachkommen durch deformierte Samen Schaden zufügen können!!! Zwar weiß man wenig über entsprechende Mechanismen sowie über Dosis-Wirkungs-Beziehungen. Doch man schwiegt darüber und behändelt - wenn schon - das fetale Alkoholsyndrom als ein rein frauenspezifisches Problem.Die Rolle und Verantwortung des Mannes darf aber nicht außer acht bleiben: Viele Männer verleiten Frauen auch in der Schwangerschaft zum Trinken, oder erwarten betont, dass sich Frauen enthalten; sie selbst aber trinken weiter.Das fetale Alkoholsyndrom ist nicht einfach ein frauenspezifisches Problem, sondern vielmehr ein Problem der Gesellschaft, in dem auch die Männer (und alle Frauen) miteinbezogen sind!!!!!!

    Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren e.V. Drogen Info: Alkohol und Schwangerschaft 04.97