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ALKOHOL IN DER SCHWANGERSCHAFT
Baby trinkt mit

MARTINA FOLSCHEID



Am 12. Januar 1989 klingelte bei uns das Telefon, unsere Sozialarbeiterin war dran. Sie sagte ,Wir haben ein vier Monate altes, alkoholgeschädigtes Kind in der Kinderklinik, das am Montag ins Kinderheim gehen soll,wenn sie es nicht aufnehmen!'. Wir sagten sofort zu. H. wog damals 3500 Gramm und war knapp 50 Zentimeter groß. Sie sah aus wie ein Neugeborenes und hatte komische, weise und sehr alte Gesichtszüge, wie ein Greis in dem Korper eines Babys."

Dies war ein Wendepunkt im Leben von Ann Gibson, der Koordinatorin von „FASworld" in Deutschland. FASworld ist eine weltweite Selbsthilfegruppe im Internet. Sie richtet sich an leibliche Eltern, Adoptiv- und Pflegeeltern, Betroffene sowie Professioneile, die täglich mit den Folgen von Alkoholgenuss in der Schwangerschaft konfrontiert werden. FAS ist die Abkürzung für „Fetales Alkoholsyndrom" - einem Krankheitsbild, das Kinder zeigen können, deren Mütter während der Schwangerschaft Alkohol trinken.

Im Jahre 1973 wurde es von den Amerikanern Jones und Smith erstmals beschrieben.Immer noch besteht ein immenser Forschungsbedarf zu der Behandlung der Betroffenen. Auch die für Luxemburg zuständige Koordinatorin von FASworld, Viviane Hentgen,hat eine Webseite ins Leben gerufen, um die Öffentlichkeit für dieses Problem zu sensibilisieren. Anhand der Statistik der Homepagebesuche sei ersichtlich,dass auch Luxemburger das Onlineangebot aufrufen würden.

Alkohol m der Schwangerschaft - ein brisantes Thema, über das sich leider in weiten Kreisen der Bevölkerung ein Deckmantel des Schweigens breitet. Dass eine Schwangere nicht rauchen soll, weiß jeder, aber kann ein Glas Sekt oder Wein ab und zu tatsächlich so sehr schaden? Diese Frage kann niemand mit Gewissheit beantworten, denn es gibt keinen Grenzwert, unterhalb dessen kein Schaden zu befürchten ist.

Nahm man früher an, dass eine Alkoholschädigung des Ungeborenen nur bei Alkoholikerinnen aufliefen könnte, so haben Langzeituntersuchungen unterdessen gezeigt, dass auch beim gesellschaftlich akzeptierten „geselligen Trinken" in manchen Fällen Schäden beim Kind entstehen können. Kein Freibrief also für das sprichwörtliche „Gläschen in Ehren"! Nicht nur die Alkoholmenge ist entscheidend, sondern auch die Art des Alkohols,Dauer und Art des Suchtverhaltens, das Alter und der stoffwechsel der Mutter sowie andere Faktoren Es scheint also eine individuelle Empfindlichkeit vorzuliegen.

Das Vollbild des fetalen Alkohol-Syndroms wird bei Kindern von Alkoholikerinnen beschrieben. Fernand Pauly, Facharzt für Kinderheilkunde im „Centre hospitalier de Luxembourg", beschreibt zwei Abschnitte der Schädigung in der Schwangerschaft: „Bei einer alkoholbedingten Schädigung am Anfang der Schwangerschaft können starke Missbildungen des Gehirns und des Herzens entstehen.

Bei Schädigungen zu einem späteren Zeitpunkt ergeben sich auch schwere Probleme - aber nicht mehr in der Struktur und dadurch nicht mehr feststellbar durch Röntgenaufnahme oder eine Kernspintomographie, sondern in der Leistung des Gehirns." Zu Beginn der Schwangerschaft könnten darüber hinaus noch weitere Missbildungen hinzukommen, insbesondere Herzfehler und Gaumenspalte.

Cocktail aus Drogen

Sollen werdende Mütter, die gelegentlich mal ein Glas Wein tranken, bevor sie von ihrer Schwangerschaft erfuhren, nun in Panik dusbrechen, wenn sie von dem fetalen Alkoholsyndrorn erfahren? „Ein oder zwei Gläser werden wahrscheinlich keine strukturelle Schädigung des Gehirns verursachen", vermutet der Kinderarzt. Die meisten Kinder würden dadurch nicht schwer behindert, aber anzuraten sei es keineswegs.

Für Ärzte sei es schwierig festzustellen, ob ein Baby durch Alkohol gelitten habe. Es gebe kaum direkte Beweise, da die Symptome oft nicht speziell dem Alkohol zuzuordnen seien. „Wir wissen meistens nicht, ob die werdende Mutter ,nur' Alkohol getrunken, oder ob sie einen ganzen Cocktail aus Drogen eingenommen hat", beschreibt Pauly die Unsicherheit der Mediziner.Fälle von puren Alkoholikerinnen seien in Luxemburg relativ selten, so seine Einschätzung. Laut Pauly gibt es drei Schweregrade des fetalen Alkoholsyndroms: Bei Schweregrad 1 liegt der Intelligenzquotient bei 90 und der Körper des Kindes ist kleinwüchsig. Bei Schweregrad 2 beträgt der Intelligenzquotient 80 und der Kopf ist klein ausgebildet. Bei Schweregrad 3 liegt der Intelligenzquotient unter 80 und es zeigen sich Veränderungen im Gesicht.

Ein Kind pro Jahr

Der Mediziner bezweifelt, dass eine Mutter, die auch nach der Geburt ihres Kindes weiterhin Drogen einnirnmt, sich rund um die Uhr allein um ihr Baby kümmern kann, das zu klein ist, schlecht trinkt und unter Entzugserscheinungen leidet. Es bestünde ein klarer Unterschied zu einem Kind mit Down-Syndrom. Bei diesem Krankheitsbild handele es sich häufig um eine gewünschte Schwangerschaft und die Eltern würden im Teamwork mit Frühförderungsdiensten zusammenarbeiten.„Hier aber ist es schwierig einzuschätzen, was die Mutter bewältigen kann", erläutert Pauly. Die betroffenen Babys hätten zudem anfänglich Schwierigkeiten, mit der Mutter in Kontakt zu treten,dadurch wurden die ersten Bindungen erschwert. Sorgen bereitet ihm auch die Zukunft dieser Kinder. Auffälligkeiten wie Minderwuchs, Minderintelligenz und Jähzornigkeit würden zunächst Schulschwierigkeiten und später eine schlechte berufliche Ausgangssituation nach sich ziehen, vermutet er. Überdies bestehe die Gefahr, dass sie den gleichen Weg wie ihre Mütter einschlagen würden.

Über die Zahl der vom fetalen Alkoholsyndrom betroffenen Kinder gibt es nur Vermutungen.„Schätzungen zufolge ist weltweit eines von 250 Kindern davon betroffen", berichtet Pauly, doch „dies trifft wahrscheinlich nicht auf Luxemburg zu". Er vermutet, dass ein Kind pro Jahr in Luxemburg und somit eines von 5000 vom dritten Schweregrad des FAS betroffen ist. Grund für die ungenauen Zahlen über die Häufigkeit ist nach Ansicht von FASworld-Koordinatorin Hentgen die Tatsache, dass die Symptome m viele Kategorien geschoben werden: „Häufig wird das Kinderheim für die verzögerte mentale Entwicklung der Kinder verantwortlich gemacht."

Kämpfen

Anne Gibsons Tochter ist mittlerweile 14 Jahre alt und kämpft mit unterschiedlichen Problemen. „H. liebt Pferde und glücklicherweise wohnen wir genau neben einem Reiterhof. Dort verbringt sie jeden Nachmittag. Mit ihren 14 Jahren kann H. kaum lesen und schreiben. Zeit, Geld und Mathe sind wie Fremdsprachen für sie und bereiten ihr immer mehr Schwierigkeiten. Sie hat seit kurzern einen Behindertenausweis mit B (Begleitung) und H (hilflos) darauf. Sie ist nun voll in der Pubertät und ihre Wutausbrüche haben sich nur verstärkt. Aber meistens ist sie ein sehr fröhliches Mädchen mit tollem Humor. Ihre Aussprache wird immer besser und verständlicher, was ihrem Selbstbewusstsein gut tut. Sie hofft, später auf dem Hof als Stallmädchen arbeiten zu können.

Hoffentlich erfüllt sich ihr Wunsch! Eines ist sicher, wir werden dafür kämpfen!"



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    Die Stiftung " Fir ons Kanner "
    in Zusammenarbeit mit
    "FAS World Luxemburg"


    lädt Sie am 12. Oktober 2004 um 19.30 Uhr
    zu einem Vortrag zum Thema FAS (fetales Alkoholsyndrom) ein

    Ort: Centre Universitaire,
    Bâtiment des Sciences,
    162 avenue de la Faïencerie in Luxemburg-Stadt

    Will Jessica nicht oder kann sie nicht?
    Alkohol in der Schwangerschaft und die möglichen Folgen für das Kind

    Referent: Prof. Dr. med. H.L. SPOHR,
    Neuropädiater,
    Chefarzt DRK Klinik Berlin/Westend Klinik für Kinder- und Jugendmedizin,
    apl. Professor an der Charité Berlin

    Viele Kinder in Fremdplatzierung (Pflegekinder, Heimkinder, Adoptivkinder)
    haben eine Reihe spezifischer Beeinträchtigungen was die geistige,
    seelische und körperliche Entwicklung anbelangt. Alkoholmissbrauch
    während der Schwangerschaft kann eine mögliche Erklärung für das
    auffällige Verhalten dieser Kinder sein.
    Neben der Klärung von Ursachen und Wirkungsmechanismen der
    Alkoholschädigung sollen vor allem die Möglichkeiten zur Förderung
    vorgestellt werden.